Wein mit Blick auf Zitadelle und Dom

„Wir machen das als Hobby“, sagt Holger Werner von der Erfurter Weinzunft Petersberg, währen er den goldgelben Riesling einschenkt. „Aber ich glaube, wir machen das ganz gut.“ Rund zwei Dutzend Mitglieder – die einen mehr und die anderen weniger aktiv – pflegen seit über 30 Jahren den Weinberg unterhalb der Mauern der mächtigen Zitadelle im Herzen der Stadt. Durchschnittlich 900 Liter Wein der Sorten Riesling, Silvaner, Müller-Thurgau, Dornfelder und Portugieser liest und keltert der Verein jährlich. Abgefüllt wird bei einem Saale – Unstrut – Winzer in Bad Sulza.

Und getrunken wird er mit einem wunderbaren Blick auf Zitadelle und Dom. Jeden zweiten und vierten Mittwochnachmittag (zum Arbeitseinsatz) stellen die Weinfreunde vom Petersberg die Stühle unter den alten Ahorn vor der Bastion Kilian – und schauen, wer da so kommt. Meistens seien es Touristen, die für einen kleinen Kostenbeitrag ein Glas probieren, sagt Werner. Viele Erfurter wüssten gar nicht, dass es den Weinberg überhaut gebe.
Dabei ist es schon mehr als 30 Jahre her, dass Bechtheimer Winzer im Jahr 1992 die erst knapp 200 Weinstöcke in die Landeshauptstadt brachten. Erfurt wiederum stellte das Pachtgrundstück am Petersberg zur Verfügung. Nach fast 200 Jahren keht der Weinbau damit auf den Berg zurück. Am 16. August 1803 wurde der letzte Klosterwein von St. Peter versteigert.
Und auch der Kontakt zwischen dem Weinort im Rheinhessischen und der Thüringer Landeshauptstadt hat eine Geschichte: Die Verbindung reicht zurück bis ins Jahr 1935. Damals seien die Winzer auch in diesem Teil des Anbaugebietes Rheinhessen dringend auf der Suche nach neuen Abnehmern ihrer Erzeugnisse gewesen. In Erfurt seien sie in einer Weise fündig geworden, dass sie bereits ein Jahr später eine Weinpatenschaft schlossen – mit einem eigenen Weinfest Inklusive.

Es folgte Krieg und Wiederaufbau. Anders war in diesen Jahren wichtiger. Doch vergessen wurde Erfurt in Bechtheim nie. Dafür sorgten schon die in den „Heimattreuen Erfurtern“ zusammengeschlossenen Übersiedler aus ganz Deutschland, die Anfang der 1960er – Jahren die Weinpatenschaft erneuerten. Auch das jährliche Martinsfest in Bechtheim hielt die Erinnerung an die alte Heimat in der Ferne wach. Mit der Wende sei es nur folgerichtig gewesen, dass die alten Verbindungen erneuert wurden.

Die ersten Jahre halfen die Bechtheimer Winzer bei der Pflege der Neuanpflanzungen. Die Kontakte sind geblieben, doch längst stehen die Vereinsmitglieder auf eigenen Füßen, „was bisweilen Arbeit macht“, sagt Werner. „Der Boden hier ist hauptsächlich Lehm und durchsetzt vom Abraum der Jahrhunderte alten Bauerei auf dem Berg.“ Der Verein habe die Löcher für neue Weinstöcke schon mal mit dem Bohrhammer setzten müssen. Und auch sonst sei die Pflege des Weinbergs aufwendige Handarbeit. Aber die Mitglieder teilen sich die Arbeit. „Das ist wichtig“, sagen auch die drei Weinfreundinnen, die unter dem Ahorn sitzen und die eigenen Produkte verkosten, denn die Mitglieder seien oft nicht mehr die Jüngsten. Jeder mach halt das, was er am besten könne.

Text: Matthias Thüsing
Foto: Steve Bauerschmidt
SWE Stadtwerke Erfurt
SWE Journal Herbst/Winter 2024